Keine Übersterblichkeit in Deutschland? - Doch!

Mortalität im Zeitverlauf

Auf Youtube gibt es ein immer wieder zitiertes Video Die Pandemie in den Rohdaten. In diesem Video wird vorgeblich nachgewiesen, dass es in Deutschland im Jahr 2020 keine durch COVID-19 verursachte Übersterblichkeit gegeben habe.

Der Informatiker, der diese Behauptung aufstellt, verwendet dazu die Zahl der jährlichen Todesfälle und einige weitere jährliche Daten.

Wir wollen uns dieses Problem aus statistischer Sicht genauer ansehen.

In der Statistik arbeitet man - wann immer möglich - mit möglichst fein granulierten Rohdaten.

Die Zahl der Todefälle in Deutschland pro Tag gibt es beim Statistischen Bundesamt zum herunterladen.

Wir werden auch eine Tabelle der Bevölkerungszahlen benötigen, die kann man mithilfe einer Datenbankabfrage bei der Genesis-Datenbank des Statistischen Bundesamts erstellen und herunterladen.

Die täglichen Todesfallzahlen seit 2016 zeigt die folgende Grafik.

Die täglichen Schwankungen sind relativ groß, deshalb berechnen wir das 7-Tage-Mittel.

Wir sehen, dass es nach der Jahreswende 2017/18 und 2018/19 deutliche Spitzen gibt. Dabei handelt es sich um ausgeprägte Grippewellen.

2019 und 2020 sehen wir nur weitaus geringer ausgeprägte Hügel.

Vor allem sehen wir aber, dass der ausgeprägte Gipfel um die Jahreswende 2020/21 durch die Jahreswende geteilt wird. Während also die Spitzen der Grippewellen 2017 und 2018 zum größten Teil innerhalb jeweils eines Kalenderjahres liegen, liegt die durch COVID-19 verursachte Spitze jeweils ungefähr zu Hälfte im Jahr 2020 und im Jahr 2021.

Die folgende Grafik mit markierten Jahrensgenzen mach das deutlicher erkennbar.

Die Bevölkerungszahl in Deutschland ist von 2016 bis 2021 gestiegen, und zwar von 82.175.684 auf 83.155.031, also um 1,2%. 80 Um beim Vergleich der Todesfallzahlen Verzerrungen durch die Bevölkerungsveränderung auszuschließen, berechnen wir die Zahl der täglichen Todesfälle pro Million Einwohner.

Die Bevölkerungszahl gibt es allerdings nur zu Jahresbeginn, daher verwenden wir über den Jahresverlauf interpolierte Werte.

Wir können die einzelnen Jahre besser vergleichen, wenn wir die Kurven übereinanderlegen.

Damit die Spitzen besser erkennbar werden, stellen wir jeweils die Zeiträume von Anfang Juli eines Jahres bis Ende Juni des nächsten Jahres dar.

Die lila Kurve mit dem höchsten Gipfel zeigt die Todesfälle während der COVID-19-Pandemie.

Bei diesem Kurvenverlauf kann man wohl nicht behaupten, dass es in diesem Zeitraum im Vergleich zu den Jahren davor keine Übersterblichkeit gegeben habe.

Ich möchte mit einem Selbstzitat schließen:

Alle Daten erzählen Geschichten, sie tun das aber oft nur sehr leise. Statistiker•innen sind Leute, die Daten besonders gut zuhören können.

Bei der vorliegenden Analyse bestand das „gut zuhören“ darin, die Daten nicht jahresweise kumuliert, sondern im täglichen Verlauf zu analysieren und die Zeiträume, die verglichen werden, nicht willkürlich nach dem Kalender, sondern dem Kurvenverlauf angepasst zu wählen.

Noch eine Anmerkung:
Im Video wird auch argumentiert, dass die geänderte Altersverteilung (Stichwort: Die Bevölkerung wird im Mittel immer älter) die höhere Sterblichkeit erklärt.

Wir wollen daher die altersgruppenspezifische näher untersuchen.

Altersgruppen und Mortalität

Wir brauchen Verlaufsdaten über Altersstruktur der Bevölkerung und Verlaufsdaten über die altersgegliederten Sterbefallzahlen.

Die Alterstruktur zum Stand Jahresende kann man bei der [Genesis-Datenbank des Statistischen Amts]((https://www-genesis.destatis.de/genesis/online?operation=abruftabelleBearbeiten&levelindex=1&levelid=1632729358991&auswahloperation=abruftabelleAuspraegungAuswaehlen&auswahlverzeichnis=ordnungsstruktur&auswahlziel=werteabruf&code=12411-0005&auswahltext=&werteabruf=Werteabruf#abreadcrumb) herunterladen. Diese Daten gibt es nur jährlich.

Die Zahlen der Sterbefälle nach Altersgruppen gegliedert gibt es als Excel-Datei zum Download. Diese Daten gibt es wöchentlich.

Die Einteilung in Altersgruppen in diesen beiden Datenbeständen ist verschieden. Die feinste Gliederung, mit der man die beiden Datenbeständen gemeinsam auswerten kann, hat die Altersgruppen 0-30 und 85- und dazwischen 5-Jahresgruppen.

Da wir den Zeitverlauf der Sterbefälle möglichst fein granuliert untersuchen wollen interpolieren wir die altersgegliederten Bevölkerungszahlen und erhalten so die Alterstruktur der Bevölkerung pro Woche.

Diese Daten gibt es als Excel-Datei zum Download

Die Bevölkerungszahl in den Altersgruppen ab 2016 zeigt die folgende Tabelle:

Alter 2016 2021 Änderung Änderung in %
0-30 21.474.735 21.034.436 −440.299 −2,1%
30-35 5.167.860 5.581.088 +413.228 +8,0%
35-40 4.951.744 5.290.876 +339.132 +6,8%
40-45 4.990.088 5.034.888 +44.800 +0,9%
45-50 6.523.704 5.035.860 −1.487.844 −22,8%
50-55 6.954.765 6.487.224 −467.541 −6,7%
55-60 6.038.640 6.817.318 +778.678 +12,9%
60-65 5.202.056 5.818.137 +616.081 +11,8%
65-70 4.331.884 4.899.104 +567.220 +13,1%
70-75 3.969.193 3.968.070 −1.123 −0,0%
75-80 4.269.898 3.468.028 −801.870 −18,8%
80-85 2.524.412 3.430.502 +906.090 +35,9%
85- 2.204.791 2.505.932 +301.141 +13,7%
Insgesamt 78.603.770 79.371.463 +767.693 +1,0%

In den Altersgruppen 55-70 sieht man einen starken Zuwachs. Die stärkste Abnahme der Bevökerung sieht man in der Altersgruppe 45-50. Die stärkste Zunahme sehen wir in der Altersgruppe 80-85.

Die folgende Tabelle zeigt die Anteile der Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung 2016 und 2021.

Alter 2016 2021 Änderung
0-30 27,3% 26,5% −0,8%
30-35 6,6% 7,0% +0,5%
35-40 6,3% 6,7% +0,4%
40-45 6,3% 6,3% −0,0%
45-50 8,3% 6,3% −2,0%
50-55 8,8% 8,2% −0,7%
55-60 7,7% 8,6% +0,9%
60-65 6,6% 7,3% +0,7%
65-70 5,5% 6,2% +0,7%
70-75 5,0% 5,0% −0,1%
75-80 5,4% 4,4% −1,1%
80-85 3,2% 4,3% +1,1%
85- 2,8% 3,2% +0,4%

Die folgende Grafik zeigt die Veränderung der Anteile der Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung im Untersuchungszeitraum.

Am Auffälligsten in dieser Grafik ist die Abnahme der Altersgruppe 45-50 und die Zunahme der Altersgruppe 55-60.

Als nächstes sehen wir und die Alterszusammensetzung der Verstorbenen im Zeitverlauf an.

Wie sehr die einzelnen Altersgruppen zur gesamten Mortalität beitragen erkennen wir besser, wenn wir die Anteile der Todesfälle pro Altergruppe an den gesamten Todesfällen darstellen.

Wir sehen, dass aus statistischer Sicht die Altersgruppen bis 45 kaum etwas zur Gesamtmortalität beitragen. Im Folgenden stellen wir daher nur die Todesfalldaten der Altersgruppe ab 40 dar.

Zunächst die Zahl der Todesfälle pro Altersgruppe im Zeitverlauf.